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| Betroffene: Polizisten |
| Der
Berufsalltag eines Polizisten bringt eine hohe Stressbelastung mit sich.
Schicht-, Wochenend-, Bereitschaftsdienst usw. verhindern bei vielen Beamten,
dass die stressige Dienstzeit sich mit Perioden der Ruhe und Entspannung
abwechselt. Hinzu kommt, dass Polizisten mit der erhöhten Wahrscheinlichkeit
konfrontiert sind, potentiell traumatische Situationen zu erleben. In
der Regel handelte es sich dabei um Ereignisse wie Tod eines nahe stehenden
Menschen, die körperliche Verletzung oder Lebensgefahr der eigenen
oder einer andern Person. Die psychischen Folgen sind vielfältig.
Auf dieser Seite finden sie Informationen zu folgenden Fragen :
Wie häufig treten Stresssymptome
durch Polizeiarbeit auf (Epidemiologie)? Latscha (Latscha, 2005) konnte zeigen, dass Polizeibeamte im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung häufiger mit potentiell traumatisierenden Ereignissen konfrontiert sind. Danach erlebten 62,5 - 64,4% der befragten Beamten bis zum Zeitpunkt der Befragung mindestens ein potentiell traumatisierendes Ereignis. Bei anderen Untersuchungen, bei denen die Beamten nach der Anzahl der traumatisierenden Ereignisse in ihrer Dienstzeit gefragt wurden, liegen die Ergebnisse zwischen 22 (Teegen, 1997) und 43 (Sommer, 2003) Erlebnissen. Diese Erlebnisse führen häufig zum Auftreten von Stresssymptomen und in vielen Fällen zur Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Im Folgenden werden die Häufigkeiten von Stresssymptomen, sowie chronischer und subsyndromaler PTBS bei Polizeibeamten dargestellt.
Chronische Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS (Glossar)) Polizeibeamte haben ein höheres Risiko, eine PTBS zu entwickeln, als andere Personen aus der Gesamtbevölkerung. Hierbei handelt es sich um eine langfristige und in der Regel behandlungsbedürftige Folge von Stress.
Subsyndromale PTBS (Glossar) Eine subsyndromale PTBS kann sowohl kurzfristig wie langfristig sein und bedeutet, dass die Betroffenen nicht so viel Stress erleben, dass man sagen kann, sie haben eine akute oder chronische PTBS, sprich eine behandlungsbedürftige, psychische Störung. Nichtsdestotrotz ist die Lebensqualität dieser Personen in der Regel eingeschränkt.
Latscha (Latscha, 2005) fand aber auch heraus, dass private tragische Ereignisse für Polizisten viel belastender waren als dienstliche. Welche Faktoren verhindern bzw. begünstigen
Stressreaktionen (Ätiologie)? Fünf Studien ergaben verschiedene Faktoren, die die Entwicklung schwerer posttraumatischer Stressreaktionen wahrscheinlicher machen oder verhindern. Risikofaktoren sind Einflussgrößen, die dazu führen, dass es einem mit hoher Wahrscheinlichkeit nach einer schwierigen Erfahrung kurz- wie langfristig schlecht gehen wird. Schutzfaktoren (Glossar) sind Faktoren, die eine Posttraumatische Belastungsstörung verhindern oder das Ausmaß der Stressreaktion minimieren können. Nach Latscha (Latscha, 2005) führen folgende Faktoren mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zur Ausbildung einer PTBS, sind also Risikofaktoren:
Häufiger sind folgende Ereignisse, die ebenfalls als belastend, aber nur mittelmäßig stark, empfunden werden:
Keine Zusammenhänge findet Latscha (Latscha, 2005) zwischen folgenden Faktoren und der Entstehung einer PTBS:
Gercke (Gercke, 1995) fand in seiner Untersuchung 1995 folgende Ergebnisse: Als besonders belastend empfunden werden:
"Normalere" Situationen werden weniger belastend erlebt. Zum Beispiel ist für die meisten Polizeibeamten die Leiche eines alten Mannes weniger belastend als eine Kinderleiche. Möglicherweise empfindet der Polizist das als natürlicher oder aber der persönliche Bezug ist geringer. (Gercke, 1995) Die Befragung der Polizeibeamten die beim Flugzeugunglück bei Überlingen im Einsatz gewesen waren, ergab folgende Risikofaktoren: (Buchmann & Rösch, 2005)
Weitere Risikofaktoren sind nach Teegen (Teegen, 1997):
Je öfter traumatische Einsätze, desto schwerer sind die Symptome.
In einer aktuellen Studie sammelte Klemisch (Klemisch, 2006) nicht nur belastende Situationen, die bei Polizeibeamten zu einer hohen Belastung und Stress führen, sondern auch Schutzfaktoren, die eine Stressrekation verhindern können: Stress und erhöhte Belastung in folgenden Situationen und durch folgende Faktoren:
Schutzfaktoren:
Auch bei Polizeibeamten gilt, wer an einer PTBS erkrankt, trägt ein erhöhtes Risiko für komorbide (Glossar) Erkrankungen, wie zum Beispiel Alkoholabhängigkeit, Depression, Suizidalität, usw. die wiederum die Belastbarkeit vermindern können. Welche Folgen können traumatische Einsätze
haben? Besonders die Bereiche "somatische Korrelate der Angst" und die kognitiven Komponenten der Gefühle von Besorgnis und Furcht, sowie "paranoides Denken"(Glossar) und "Psychotizismus" (Glossar) waren bei den Beamten erhöht. (Latscha, 2005). somatische Korrelate der Angst:
Paranoides Denken:
Dies liegt allerdings wohl auch in der Natur des Berufs, da er Misstrauen mit sich bringt. Schließlich kann dies aber auch bis zur Angst vor dem Verlust des Ansehens vor Kollegen und Vorgesetzten gehen. Psychotizismus
Teegen (Teegen, 1997) untersuchte 1997 die psychologischen Folgen traumatischer Erlebnisse:
Folgen von traumatischen Einsätzen müssen aber nicht nur negativ sein. Die Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen kann bewirken, dass man sich dadurch erst um eine konstruktive Neuorientierung bemüht, durch die Erfahrungen persönlich wächst und Stärke entwickelt. Auch die Enttabuisierung des Todes ist ein wichtiges, in unserer Gesellschaft häufig ausgeklammertes, Thema. (Teegen, 1997) Wie kann man mit traumatischen Einsätzen
umgehen (Bewältigungsstrategien)?
Es gibt einen Unterschied zwischen den hochgradig belasteten und den eher gering bis gar nicht belasteten Beamten hinsichtlich ihrer Bewältigungsstrategien. (Latscha, 2005).
Dabei lässt sich aber nicht sagen, ob dies eine Folge der Erlebnisse ist, oder vielmehr ob die Strategien schon vorher benutzt wurden und diese Art der Bewältigung verletzlicher für eine PTBS macht. Beamten, die einen Schusswaffengebrauch erlebt haben, berichteten von folgenden Hilfen:
Beamten, die häufig mit Leichen, Schwerstverletzten und Opfern sexueller Gewalt zu tun haben, könnte vielleicht auch durch regelmäßige Supervisionen (Glossar) geholfen werden. (Latscha, 2005). Wichtig ist es den betroffenen Polizisten vor Augen zu führen, dass eine solche Reaktion nach stark belastenden Ereignissen normal ist. Mit noch mehr Bereitschaft und Offenheit innerhalb der Polizei, über solche verständlichen Sorgen reden zu können, dem Abbau von Ängsten, dem Informieren durch Beratungsgespräche, Besprechung von Problemen nach Einsätzen und dem Einbeziehen der Vorgesetzten könnten Probleme nach belastenden Erlebnissen reduziert werden. Wie kann man selbst anderen helfen? Wenn ein Mensch in Ihrem Bekanntenkreis eine schlimme Erfahrung gemacht
hat, dann braucht dieser Mensch in aller Regel jemanden, der ihn unterstützt,
indem er da ist und verständnisvoll zuhören kann. Und mit
Zuhören ist gemeint, sich die Zeit nehmen, den anderen erzählen
zu lassen. Sätze wie "Das wird schon wieder" oder "Stell Dich nicht
so an" gehören nicht in diese Gespräche. Lassen Sie Ihr Gegenüber
ausreden und antworten sie nicht mit langen Erzählungen aus ihrem
eigenen Leben. Wie effektiv ist professionelle
Hilfe (Therapieforschung)? Ganz allgemein kann man sagen, dass die Symptomatik, ob mit oder ohne Behandlung, über die Zeit schwächer wird. (Latscha, 2005).
Prinzipiell ist man sich darüber einig, dass je stärker die anfänglichen Symptome sind, desto größer ist die Gefahr einer chronischen PTBS. Gerade bei schwerer Symptomatik ist eine Behandlung wichtig, denn durch eine solche kann die Lebensqualität erheblich verbessert werden. Die Effektivität eines bei der bayrischen Polizei obligatorischen Stressbewältigungstrainings wurde von Latscha (Latscha, 2005) untersucht: Das Ergebnis war weder positiv noch negativ für die Entstehung oder Chronifizierung einer PTBS. Hilfreich kann ein solches Seminar aber zum Abbau von Ängsten sein.Außerdem können Seminarleiter betroffene Beamten besser erkennen und ansprechen. Deswegen sollte sich vor allem im Bereich der Früherkennung etwas tun, damit diejenigen Kollegen, die unter den beschriebenen Stresssymptomen erheblich leiden, rechtzeitig professionelle Hilfe bekommen. Wichtig ist, sich auch klar zu machen, dass der Großteil der Beamten trotz aller Erlebnisse und all dem Stress nicht auf klinisch bedeutsame Weise an PTBS erkrankt ist. Glücklicherweise erholen sich die meisten Menschen nach einem gewissen Zeitraum von schlimmen Erlebnissen von alleine wieder. Die Diagnose, ob eine Behandlung angezeigt ist oder nicht, kann deshalb nur von Experten gestellt werden. Wie kann man vorbeugend Stressreaktionen
verhindern (Prävention)?
Vielleicht sind viele Beamten deswegen durch privaten Tragödien stärker belastet (siehe oben) als durch dienstliche, weil sie sich auf viele Situationen im täglichen Dienst vorbereiten können, aber auf beispielsweise den plötzlichen Tod eines Angehörigen nicht. Natürlich kann man nicht auf alle Ereignisse im Dienst vorbereitet sein und alle Eventualitäten mit einplanen. Ein Beamter, der häufig das Überbringen von Todesnachrichten übernimmt, berichtete, es helfe ihm, die Situation im Vorhinein zu planen und zu durchdenken. Er erlebe das Ereignis dann, wenn es tatsächlich eintrete, als weniger belastend, denn die Reaktionen seien ihm bekannter. Also eine Art mentales Training.
"Die erste Leiche vergisst man nicht" In seinem Buch "Die erste Leiche vergisst man nicht" (Rezension) sammelt Volker Uhl Erzählungen von Polizeibeamten. Nicht immer steht eine besonders belastende Situation im Vordergrund, besonders mitreißend ist die Menschlichkeit der Erzählungen und das subjektive Empfinden der Polizisten. Hier zwei kurze Auszüge: "Ich hatte einer jungen Mutter die Nachricht zu überbringen, dass ihr siebenjähriger Sohn überfahren worden sei. Er war tot. Zum ersten Male war ich Überbringer einer Todesnachricht.[...] Ich konnte - ob ich wollte oder nicht - ihr Entsetzen, ihren Schmerz, ihr hoffnungsloses Aufschreien in meinem Kopf vorweg erleben. Ich musste hin - und ich konnte ihr letztendlich doch nicht helfen, konnte ihr den tiefen schwarzen Schacht, in den sie fallen würde, nicht ersparen. Ich müsste nur aufpassen, dass ich selbst nicht nachstürze. ..." (Uhl, 2005, S. 107) "Und dann ist noch etwas passiert, das mich sehr berührt und auch getroffen hat und Bilder im Kopf aufleuchten lässt, die ich lange nicht mehr sah. Einer meiner Kollegen vom Kriminaldauerdienst hat sich letzte Woche das Leben genommen und sich, wie es für einen Polizisten leider so typisch ist, mit seiner Dienstpistole in den Kopf geschossen, genauer gesagt, seine Waffe in den Mund genommen und abgedrückt. ..." (Uhl, 2005, S. 31)
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